Friedenskonferenz auf dem Wasen

Politik und Festvergnügen:
Kaisertreffen 1857


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Der absolute Höhepunkt der gesamten Volksfesthistorie von 1818 bis heute ist zweifelsohne das Kaisertreffen des Jahres 1857

Hatte man bereits beim Regierungsjubiläum 1841 an ein unüberbietbares Ereignis geglaubt, so wurde der Cannstatter Wasen dieses Mal zum internationalen politischen Parkett. „Dass diese Herrscher nicht hierher kamen, um unser Volksfest zu verschönern, weiß die ganze Welt“, heißt es in einer zeitgenössischen Schilderung. Sinn und Zweck des Kaisertreffens war eine Vereinbarung, um die stehenden Heere in Europa zu vermindern: "Möge diese Besprechung bewirken, dass sich darin das Heil Europas begründet habe". Doch damals wie heute gehen Wunschdenken und Wirklichkeit selten eine Vernunftehe ein. Zar Alexander von Russland trifft am 24. September 1857 mit großem Gefolge in Stuttgart ein und nimmt in der Villa Berg Quartier. Kaiser Napoleon III. von Frankreich folgt einen Tag später und wohnt im Stuttgarter Neuen Schloss. Unterdessen laufen in Cannstatt die Vorbereitungen auf Hochtouren, um das Stadtbild zu verschönern. Kaiserlicher Besuch ist der wohlverdiente Lohn.

Kaisertreffen beim Volksfest 1857, von links: Kaiser Napoleon III., König Wilhelm I. und Zar Alexander II. von Rußland.

Zusammen mit Napoleon III. besucht König Wilhelm I. „ohne Gefolge in bürgerlicher Kleidung“, die Landwirtschafts- und Traubenausstellung im Kursaal. Die mehrtägigen Festlichkeiten begannen dann am 25. September mit einer "italienischen Nacht", im Neuner'schen Bad. Am folgenden Tag wurde die Wilhelma mit 100.000 Lampen beleuchtet. Dabei erwiesen sich die Anlieger als wahre Meister im Beutelschneiden: Sieben Gulden kostete ein Fensterplatz und für einen Ausguck durch einen angehobenen Ziegel, mussten immerhin noch 36 Kreuzer angelegt werden (7 Gulden = 1 Zentner Mehl mittlerer Qualität und 36 Kreuzer = 7 kg Schwarzbrot).

„Absoluter Höhepunkt aber war des Königs Geburtstag am 27. September. 50.000 bis 60.000 Menschen harrten auf dem Cannstatter Wasen einem bis dahin noch nie erlebten Schauspiel entgegen. Dann: schmetternde Fanfarenstöße. Langsam im Schritt ritten die Majestäten, König Wilhelm I. in der Mitte, durch die unüberschaubare Menge, gefolgt von den Prinzen und den vielen Generälen, Diplomaten und Offizieren in den mannigfachsten Uniformen. „Insgesamt etwa 200 Reiter, aus denen hauptsächlich die französischen und russischen reich dekorierten Herren herausragten“, schreibt sichtlich beeindruckt das Amts- und Intelligenzblatt für das Oberamt Cannstatt und fährt fort:
"Auf diese folgten die Kaiserin von Russland mit der Kronprinzessin, unsere verehrte Königin Pauline, die Königin von Holland und die anderen Prinzessinnen-Töchter, die Großfürstin und die Königin von Griechenland in einer langen Reihe von Hofwagen". Zeitungsschreiber aus „halb Europa“ hätten sich eingefunden, merkt unser Gewährsmann an. Oberamtmann Friedrich Kegelen hatte die Situation zu jedem Augenblick im Griff. Kaiser Napoleon III. zeichnete dann auch zum Schluss den wackeren, pflichtbewussten Beamten mit dem Ritterkreuz der französischen Ehrenlegion aus.
König Karl und Königin Olga feierten im Jahre 1871 ihre silberne Hochzeit auf dem Cannstatter Wasen. Die Cannstatter Bevölkerung nahm dies zum Anlass für einen Festzug durch die Oberamtsstadt, an der - angeführt von "Ehrenjungfrauen" - 37 Gruppen teilgenommen haben.

Noch zwei Mal in der Volksfestgeschichte gab es Besuch „Hoher und Allerhöchster“ Persönlichkeiten. Am 28. September 1876, kam Kaiser Wilhelm I. zusammen mit dem Kronprinzen, dem Großherzog von Baden, der Kaiserin und der Großherzogin von Baden, zum Volksfest. Es war dies zugleich sein erster Besuch nach der Reichsgründung in Stuttgart. Fünf Jahre später wurde diese Visite nochmals wiederholt. „Nach der Preisverleihung auf dem Wasen, machten die Majestäten eine Rundfahrt durch Cannstatt“, schrieb die Cannstatter Zeitung.

von Hans Otto Stroheker


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